Grün-As

Letzte Chance vertan

Späte Vermittlung der Stadt scheitert - »Klinke« und »Hallo Pizza« müssen weichen

Netto Nord hat den Daumen gesenkt. Zwar hatte die Stadtverwaltung dem neuen Eigentümer nach öffentlichem und politischem Druck nun doch benachbarte kommunale Flächen angeboten, damit die Besitzer von »Klinke« und »Hallo Pizza« nicht für eine Handvoll Parkplätze weichen müssen. Doch für Einkaufsmarkt plus Nebengebäude reicht an der Miltitzer Allee der Platz nicht. Das Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) bekundet per Brief zwar »reges Interesse« am Erhalt des Angebots, kann überdies aber nur die negative Netto-Antwort weiterreichen, in der es unter anderem heißt: »Anlieferung ist aufgrund der erforderlichen LKW-Wenderadien nicht gewährleistet.«

Das Aus für die Wirte am jetzigen Standort ist damit besiegelt. Netto-Planer André Kulschun schweigt sich weiterhin aus, auch einen Zeitplan für den Aufbau der Filiale gebe es noch nicht. Das klang im Januar verheißungsvoller - warum die Verzögerung? Kulschun: »Dazu möchte ich nichts sagen.« Nachdem Gastwirt Mike Seiffert gegen Ende 2009 die Kündigung durch Vorbesitzer Konsum erhielt (»Grün-As« berichtete), verstärkte sich der Druck auf die Stadtverwaltung. Heiko Bär, dessen Ortsverein regelmäßig in der Klinke tagt, und weitere Stadträte schalteten sich fraktionsübergreifend in die Debatte ein. Auf deren Anfrage begründet Baubürgermeister Martin zur Nedden, man wolle keinen Präzedenzfall im Sanierungsgebiet schaffen. Auf- statt Abbau sei tabu.

Da aber die ungewollte Netto-Etablierung rechtlich ohnehin nicht zu verhindern war, wurden zugunsten des Klinken-Erhalts doch kleine Flächen als Ersatz angeboten. Deren ungünstiger Zuschnitt jedoch führte neuerlich in die Sackgasse: Netto bekäme mit dieser Variante die Lieferanten nicht auf den Hof. Trotz Scheitern dankt Heiko Bär dem ASW für dessen spätes Entgegenkommen. Jetzt sei die Suche nach Alternativstandorten das Wichtigste: »Die Zusage der Verwaltung, hierbei zu helfen, wird nunmehr konsequent eingefordert.« Allein: Die Zeit wird knapp. Seiffert muss bis Ende Juni raus. Nebenan zieht gegen Jahresende das Theatrium aus.

Seiffert liebäugelt, doch Juliana Pantzer vom ASW sagt: »Dazu gibt es klare Ziele und einen Stadtratsbeschluss pro Abbruch.« Zudem sei der Zustand des Hauses schon für den Theaterbetrieb kritisch - und damit alles andere als ideal für sinnvolle Investitionen. Pantzer verweist hingegen auf etliche ASW-Vermittlungsversuche: »Wir haben mehrere Kontakte zu Objekt-Eigentümern hergestellt.« Dass aus all dem nichts geworden ist, liege vor allem in Seifferts Verantwortung, verlautet es aus dem Amt, das für Unternehmer-Aktivitäten nicht zuständig sei. Der Wirt hat wohl zu lange gehofft, dass es doch noch eine Chance zum Bleiben gibt. Die ist nun vertan, Mike Seiffert fühlt sich in seiner Gaststätte »wie auf der Titanic«.

Gegen die Vorwürfe wehrt er sich entschieden: Das ASW-Gebaren sei »alles Alibi«, die hergestellten Kontakte überschaubar, die besichtigten Objekte nicht gastronomietauglich, zum Teil gar nicht verfügbar oder so teuer, »dass ich gleich auf der grünen Wiese neu bauen könnte«. Allerdings hält Seiffert dem ASW auch zugute, dass dessen Vermittlungschancen von vornherein gering waren: Es gebe eben kaum taugliche Immobilien. Den Neuanfang in anderen Stadtteilen sieht die Wirtsfamilie bislang kritisch, weil neben der neuen Gaststätte auch Wohnung und Kindergartenplatz her müssten. Nach der »Grün-As«-Veröffentlichung hatte es ein Angebot aus Schleußig gegeben, dazu eins aus Gohlis - vielleicht werden sie zum letzten Strohhalm für den Klinkenwirt.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer für den WK 7 bleibt: Die Stadträte sind mit ihrem »Antrag auf Erhalt« noch nicht am Ende. Kurz vor Redaktionsschluss verlautete, dass beim Abriss des heutigen Theatriums gleich nebenan doch noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Knapp gesagt: Ist das Gebäude gut genug und von Seiffert finanzierbar, könnte(!) es irgendwie funktionieren, wenn der Wirt sich atmosphärisch dem entstehenden »Urbanen Wald« nähert. Beispielsweise per Gartenpavillon. Seifferts Hoffnung: »Das war schon mal eine Kneipe. Warum nicht?« Doch selbst wenn daraus etwas wird - der Wirt hängt samt Familie mindestens ein halbes Jahr in der Luft, muss irgendwie jobben. »Aber besser als wegziehen«, sagt er mit Blick auf die Stammgäste.

Nicht ganz so dünn ist die Luft für die »Hallo Pizza«-Filiale nebenan. Deren Chef Thomas Antok hat noch bis ins Jahr 2011 einen Mietvertrag und hegt überdies konkretere Überlegungen, sich im Ratzelbogen einzuquartieren. Der Zeitpunkt ist jedenfalls gar nicht so ungünstig: Verlässt man die Miltitzer Allee freiwillig vor Vertragsende, könnte so etwas wie eine »Ablösesumme« den Umzug mitfinanzieren. Aber ob und wann im Ratzelbogen die erste Pizza aus dem Ofen kommt, ist noch nicht absehbar - wegen bürokratischer und baulicher Dinge, so Antok.

Reinhard Franke
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