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Das Fiasko

Stanislaw Lem wäre nun 95 Jahre

Skeptiker und Pessimist war der am 12. September 1921 (BAM), am 19.9.21 (BOM), irgendwann (BIM) in Lwow geborene SF-Autor eigentlich schon immer. Bereits im seinem ersten SF-Roman »Astronauten« (BAM), »Planet des Todes« (BOM), worin einige Astronauten die Reste einer untergegangene Venus-Zivilisation bestaunen, wird dies deutlich. Nach dem 1987 erschienenen Roman »Fiasko«, widmete sich Stanislaw Lem (fast) nur noch politischen und wissenschaftlich-philosophischen Themen, u.a. schrieb er auch Artikel über das Internet (erschienen bei Telepolis).

»Ich füllte Hefte mit Zeichnungen von kriechenden oder fliegenden Maschinen - eine diente sogar zur einfachen Zubereitung von gekochten Mais, da mich alles interessierte.«
Stanislaw Lem (aus »Mein Abenteuer mit der Futurologie«)

Stanislaw Lem besuchte das Gymnasium in Lwow (damals noch Lemberg) und studierte am Medizinischen Institut. In der Zeit der Besetzung arbeitete er als Monteur und Autoschlosser. Anschließend setzte er sein Studium fort, das er 1948 an der Jagiellonen-Universität in Krakow abschloß. Außerdem studierte Lem Philosopie, beschäftigte sich mit Kybernetik und mit Problemen der angewandten Psychologie.

»Bei den Vorbereitungen zur Drucklegung der 'Tagebücher' hat mir eigentlich niemand geholfen; diejenigen, die mich dabei behinderten, will ich nicht aufzählen, denn dies würde zuviel Platz erfordern.«
Stanislaw Lem (zitiert von Olaf R.Spittel)

Lems Romane aus den fünfziger Jahren sind typische Produkte der sozialistischen SF-Literatur: Der Sozialismus siegt und alles Gute kommt von oben. Mit »Eden« und den »Sterntagebüchern des Weltraumfahrers Ijon Tichys« begann Lems zweite literarische Periode und damit auch der internationale Erfolg. Lems Bücher der 60er und 70er Jahre sind gekennzeichnet durch eine Fülle von Ideen (von der »Maschinenzivilisation« in »Der Unbesiegbare« bis zum »Gehirnozean« in »Solaris«), die immer Lems Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen (der Philosophie, Kybernetik, Medizin) wiederspiegeln; ironisch eingebaut in die typischen Sujets der SF.
Lem war wohl der erste SF-Autor, der sich mit der Frage beschäftigte, was denn der Astronaut alles tun muß, wenn er, mit Lichtgeschwindigkeit dahinbrausend, mal auf's Töpfchen muß.

Stanislaw Lems dritte literarische Periode, eingeläutet durch »Der futurologische Kongreß«, ist eine »Abrechnung« mit dem bisher Geschriebenen: im »Lokaltermine«, thematisch an eine Reise aus den »Sterntagebüchern« anknüpfend, besucht Ijon Tichy eine Zivilisation, die sich durch Anwendung der Technik, selbst matt gesetzt hat. Und in »Fiasko« (eine neue Version von »Gast im Weltraum«), scheitert nicht nur der Versuche einer Kontakaufnahme zu einer anderen Zivilisation, sondern endet auch mit deren Vernichtung.

Der Futurologe

Neben dem nichtutopischen Roman »Das Hospital der Verklärung« (BAM), »Die Irrungen des Dr. Stefan T.« (BOM) und den Kindheitserinnerungen »Das Hohe Schloß« schrieb Stanislaw Lem Artikel, Essays und Bücher, die sich mit der Futurologie befassen. Die Frage lautet: Was könnte sein? Lems Anfang der 60er erschienene »Summa technologiae« beschäftigt sich mit dem Vergleich der biologischen Evolution mit der technischen Evolution. (Im gleichen Jahrzehnt entstand der Versuch einer empirischen Theorie der Literatur, die »Philosophie des Zufalls«.)

Der Autor nennt dieses Buch sein »zweites unvernünftige Unternehmen« nach der »Summa technologiae«, weil er als Schriftsteller nicht nur über seine Arbeit theoretisieren, sondern allgemeine Konzeptionen entwickeln will, die über die Literatur hinausreichen.
Herbert Hörz (Nachwort »Volk und Welt«-Ausgabe, 1988)

Das Fiasko

Für mich ist »Fiasko« eines der stärksten Werke von Stanislaw Lem. Eine Abrechung, nicht nur mit »Gast im Weltraum«. Der Leser darf nicht nur vom immer hilfsbereiten Pirx Abschied nehmen, der im »Wald von Birnam«, im ersten Teil des Buches, ums Leben kommt, sondern, im dritten Teil, auch von Mark Tempe - seiner eventuellen Reinkarnation (siehe Anmerkung).
Das Nichtverstehen der anderen Kultur, das verhandlungsreif »Bomben« der fremden Zivilisation und letztendlich deren völlige Zerstörung, nach einer Logik, nach Spielregeln, die eingehalten werden müssen, weil man halt nicht anders kann, läßt nicht nur an den letzten Krieg denken.
Die Raumschiffbesatzung, mit ihrem Supercomputer GOD, ist am Ende gescheitert, weil diese sich von der »Kontakt-um-jeden-Preis«-Logik nicht trennen können. Das Ende wird durch einen dummen Zufall ausgelöst.

Natürlich war es ein literarischer Trick von Lem im Dunkeln zu lassen, wer nun Mark Tempe wirklich ist. Es erhöhte enorm die Spannung beim Lesen und das - durch die Vorgeschichte und das kurze Zwischenstück vorbereitete - Fiasko ist auf der letzten Seite des Buches ist nun auch eines des Lesers und Pirx-Fans. Nicht weil der Leser nun nicht erfahren hat wer Tempe ist, sondern weil es letztendlich keine Rolle mehr spielt.

Stanislaw Lem starb 2006.

Bücher

Das Fiasko, Roman, 1987
Das Hohe Schloß, Erinnerungen, 1966
Das Hospital der Verklärung / Die Irrungen des Dr. Stefan T., Roman, 1955
Das absolute Vakuum, parod. Buchbesprechungen, 1971
Der Flop, Roman, 1986
Der Schnupfen, Roman, 1976
Der Unbesiegbare, Roman, 1964
Der futurologische Kongreß, Roman, 1978,
Der getreue Roboter, Fernsehspiele, 1975
Dialoge,(?)
Die Astronauten / Der Planet des Todes, Roman, 1951
Die Jagd, Erzählungen, 1972,
Die Maske
Die Sterntagebücher Ijon Tichys, Erzählungen, 1961
Die Stimme des Herrn, Roman, 1970
Die imaginäre Größe, Rezensionen über noch nicht geschriebene Bücher, 1973
Eden, Roman, 1959
Friede auf Erden, 1986
Gast im Weltraum, Roman, 1955
Golem XIV / Also sprach Golem, Roman
Kyberiade, 1983
Lokaltermin, Roman, 1982
Mein Leben
Phantastik und Futurologie I
Phantastik und Futurologie II
Philosophie des Zufalls I, 1968
Philosophie des Zufalls II, 1968
Philosophie des Zufalls II - überarbeitet, 1983
Provokationen, Essays, 1980
Rückkehr von den Sternen
Solaris, Roman, 1961
Summa technologiae, 1964
Test, Erzählungen, 1968

Erzählungen

Ananke,1972
Das Katastrophenprinzip, 1988
Der Unfall, 1972
Die Falle des Gargancjan, 1976
Die Jagd, 1972
Die Patrouille, 1968
Die Ratte im Labyrinth, 1957
Die Verhandlung, 1972
Eine Minute der Menschheit, 1988
Invasion vom Aldebaran, 1968
König Hydrops Ratgeber, 1976
Pirx erzählt, 1972
Provokation, 1988
Test, 1968
Von den Drachen der Wahrscheinlichkeit, 1976
Von der Rechenmaschine, die mit dem Drachen kämpfte, 1976
Waffensysteme des 21. Jahrhunderts, 1988
Weltuntergang um acht, 1957

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