Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Mordshunger

Eine Mord- und Heimatgeschichte des Grünauer Autors Jürgen Leidert
Teil 2

Mein Vater war schon im August 1942 an der Ostfront gefallen, nur 28 Jahre alt. Ich kann mich nur dunkel erinnern als die Nachricht von seinem Tod per Feldpost kam und durchs Küchenfenster im Parterre der Wohnung meiner Großeltern durch die Postbotin gereicht wurde. Ich verstand nicht gleich, warum soviel Tränen vergossen wurden.

»Gefallen für Führer, Volk und Vaterland«, so hieß es kurz und lapidar in der Depesche, die mein Leben nachhaltig bestimmen sollte. Mutters Schwester Marla wohnte in Frankenheim. In dem einzigen größeren Anwesen dieses Ortes, einem prachtvollen Bau mit einer zweigliedrigen großen Freitreppe mit einem Plateau vor dem Eingang, war ich damals zu Hause. Das Haus hatte zur Straße hin einen Hof mit anschließendem Vorgarten.

Im Hof direkt gegenüber der Freitreppe stand ein großer Walnussbaum. Nach Osten hin schlossen Nebengebäude an, mit Waschhaus, Lagerräumen und zwei Wohnungen darüber. Hinter dem Wohnkomplex nach Süden hin, befand sich ein Park, der zu einer großen Wiesenfläche führte, wenn man durch den maroden Zaun ein Schlupfloch fand. Ein Teich und ein Erlenwald begrenzten die Wiesen. Das Gebiet wurde als die Ellern bezeichnet.

Tante Marlas Mann Hein war Schullehrer dort, aber jetzt im Kriegsdienst. Des Öfteren während der Kriegsjahre bis 1945 und in den Hungerjahren danach, fuhr meine Mutter mit mir zu ihrer Schwester »über Land«, wie sie dann sagte, wenn die nächtlichen Bombardements und die Übernachtungen im Luftschutzkeller zu lästig und gefährlich wurden, war die Zeit in Frankenheim leichter zu ertragen als in der Stadt.

Jedenfalls waren die Tage und Nächte auf dem Dorf für uns nicht so qualvoll. Die Spiele mit den anwohnenden Kindern und meinem Cousin in Hof, Garten, Park, auf den Wiesen und Feldern machten die Gefährlichkeit der Bombennächte und die täglichen Nachrichten über das sinnlose Sterben zahlloser Opfer zumindest für uns Kinder zeitweilig vergessen. Nur meine Großeltern vermisste ich in den Zeiten bei Tante Marla.

Letzte Nacht war kurz. Bis eine Stunde vor Mitternacht hatte ich die sogenannten Christbäume am Himmel aus dem Kinderschlafzimmerfenster stehen sehen, die die Ziele für die Bombardierungen markierten. »Alarm, die Sirenen heulen wieder«, rief Tante Marla, und als in der Nacht die Flieger über das Dorf kamen, wurde ich aus dem Bett geholt. Zuerst gingen wir in den Keller, dann standen wir noch einige Zeit auf dem Plateau der Freitreppe, um am Himmel den Kurs der Bomber zu beobachten.

Ihre Flugrichtung ging in großen Verbänden nach Halle, Leuna und Bitterfeld. Betriebe der IG Farben waren erwählte Ziele der anglo-amerikanischen Luftangriffe wegen ihrer kriegswichtigen Produktion hieß es. Während der Angriffe in den Nächten hatte jegliche Beleuchtung von Häusern, Straßen und Plätzen zu unterbleiben. Falls nicht eine Stromsperre ohnehin das Brennen der Hauslampen unmöglich machte, mussten Verdunklungsrollos jeglichen Lichtschein nach draußen unterbinden.

Der sonnige Frühlingsmorgen entschädigte für die schlaflose Nacht. In den Erlenwiesen hinter dem Haus pflückten wir Kinder beim Versteckspiel Gänseblümchensträuße für unsere Mütter. »Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein, ich komme!«, so rief ich und suchte dann nach den Spielkameraden in dem hochgewachsenen Rasen, hinter Büschen und Bäumen. Wer zuerst gefunden wurde, war als nächster an der Reihe zu suchen. Auf dem Weg zwischen Wald und Wiese hatten wir bald einen Blindgänger liegen sehen und deshalb unser morgendliches Spiel beendet, das Ding konnte scharf sein und explodieren.


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