Auf den Spuren Markranstädter Gründerzeithäuser
Markranstädt war 1856 an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden. In der Folge siedelten sich Industriebetriebe an und die
Einwohnerzahl wuchs von 3100 (1853) auf 6858 (1900). Ein Bauboom war die Folge. Da gut ausgebildete Fachkräfte knapp waren,
wurden diese verhältnismäßig gut bezahlt und konnten sich Wohnungen in guter Qualität leisten. Auch in Miltitz (Siedlung
gegenüber den beiden Chemieunternehmen) oder in Leipzig (vor allem Plagwitz) entstanden damals anspruchsvolle Wohnungen für
erfahrene Facharbeiter. Diese Wohnungen sind, wenn saniert, auch heute noch gefragt. Bei vielen neugebauten Miethäusern
bezweifle ich, dass sie in 100 Jahren überhaupt noch stehen.
Viele der Häuser, die in dieser Gründerzeit gebaut worden sind, stehen heute unter Denkmalschutz wie die Häuser in der
Markranstädter Parkstraße. Sie markieren den Übergang von der dreigeschossigen zur 4-geschossigen Bauweise in
Markranstädt. Platz wurde wegen des raschen Wachsens der Stadtbevölkerung knapp. Relativ neu waren auch die Keller. Bis
etwa 1870 sind in Markranstädt nur ausnahmsweise unterkellerte Häuser gebaut worden. Erst durch den Ausbau der
Braunkohleförderung ab 1865 sank der bis dahin hohe Grundwasserspiegel soweit, dass mit ökonomisch vertretbarem Aufwand
trockene Keller gebaut werden konnten. Bemerkenswert sind auch die Fassaden im Stil der Gründerzeit: Fensterverdachungen
mit Muschelmotiven, Pilaster mit engelkopfverzierten Kapitellen, Blend-Balustraden, Stuckköpfe, Grotesken und die eng
stehenden Traufkonsolen haben sich erhalten.
Die unter Denkmalschutz stehenden Häuser in der Parkstraße wurden von 1890 bis 1892 von Franz Hoffmann, der aus Frankenheim
stammt, errichtet. In seinem Testament hat Hoffmann, der schon mit 48 Jahren 1913 starb, die Häuser der Stadt Markranstädt
übereignet. Die Treppenhäuser waren dazu passend gestaltet, mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Malermeister Friedrich-Carl
Hauck, der bis 1913 auch im Haus in der jetzt abgerissenen Parkstraße 1 wohnte und dort auch seine Werkstatt hatte.
Weiterhin war es typisch für die Häuser in der Parkstraße wie für viele andere Gründerzeithäuser in Leipzig und Umgebung,
dass sich im Erdgeschoß Geschäfte befanden und in den großen Innenhöfen Handwerkerwerkstädten. Die älteren Markranstädter
werden sich noch an die Fleischerei Völkner oder den Friseur Münzenberg erinnern. Diese Läden sind längst in Wohnungen
umgewandelt. In den Innenhöfen befanden sich meist Handwerksbetriebe oder andere Kleinunternehmen. Bei der Parkstraße 1 bis
5 war das zum Beispiel ein
»Lumpenmann«
.
Bei den Recherchen zu diesem Beitrag bin ich auch über die Geschichte meiner eigenen Familie gestolpert. Der erwähnte Fleischer Völkner ist der Bruder meiner Urgroßmutter. Zu meinem Erstaunen haben ältere Markranstädter auf Fragen zur Geschichte dieser Häuser spontan dessen Mutter erwähnt, also meine Ur-Ur-Großmutter. Die war, was ich nicht wusste, in der ganzen Gegend sehr beliebt, weil sie sehr gastfreundlich war und auch für Arme immer noch einen Teller Suppe übrig hatte. Im Juli 1900 wurde sie mit einem Beil erschlagen. Auch das hatten einige ältere Markranstädter, von denen keiner sie mehr persönlich kannte, im Gedächtnis bewahrt. Das ist umso erstaunlicher, weil meine Ur-Ur-Großmutter damals in Priesteblich wohnte. Von meiner Mutter habe ich dann erfahren, dass mein Ur-Ur-Großvater an diesem Tag Schweine verkauft hatte und dann zur Arbeit gegangen war. Meine Ur-Ahnin war allein zu Hause zurückgeblieben. Der Täter aus dem benachbarten Dölzig wusste vom Schweineverkauf und er wusste auch, wo üblicherweise das Geld lag: unter dem Kopfkissen im Schlafzimmer, was er nicht wusste war, dass Frau Völkner zurückgeblieben war. Mit dem Beil, dass er als Einbruchswerkzeug benutzt hatte, hat er meine Ur-Ur-Großmutter schlagen. Der Mord führte dazu, dass deren Tochter, meine Urgroßmutter, mit ihrer Familie zu ihrem Vater nach Priesteblich zurückzog. Reichlich 50 Jahre später wurde das Mordzimmer mein Kinderzimmer.
Es ist eigenartig welche Geschichten sich mit diesen alten Häusern verbinden. Die Sanierung der arg heruntergekommenen
Häuser wurde im Auftrag der Markranstädter Bau- und Wohnungsverwaltungsgesellschaft von Manuela Busch vom Leipziger
Architektenbüro Mauersberger & Busch geplant und geleitet. Beteiligt waren fast ausschließlich regionale
Handwerksunternehmen. Insgesamt ist es gut gelungen, trotz teilweise sehr restriktiver Auflagen, Denkmalschutz und modernen
Wohnkomfort zu verbinden. Die Häuser haben nun auch auf der Hofseite Balkone aus feuerverzinktem Stahl, eine Zentralheizung
mit energiesparender Gasbrennwerttechnik, moderne Wärmeschutzfenster im alten Ambiente und auch die Wände konnten so
gedämmt werden, dass sie der gültigen Wärmeschutzverordnung entsprechen. Straßenseitig lies sich das wegen der
denkmalgeschützte Fassade nur durch eine schwierige Innendämmung erreichen. Frau Busch konnte sich dabei auf Erfahrungen
aus ähnlichen Sanierungsarbeiten in Leipzig-Plagwitz stützen. Auch hier gibt es persönliche Erfahrungen: Frau Busch hat den
Bau unseres Hauses geleitet und das so gut, dass wir bisher nach 6 Wohnjahren noch keinen nennenswerten Pfusch oder Schaden
entdeckt haben.
Leider waren von der ursprünglichen farblichen Gestaltung des Treppenhauses der Häuser in Markranstädts Parkstraße nur noch
Fragmente vorzufinden die sich restauratorisch nicht mehr aufarbeiten ließen. Deshalb wurde der Bestand fotografisch und
zeichnerisch dokumentiert. Auf dieser Grundlage fertigte Stephanie Hauck Schablonen an, mit denen sie nach Ausbesserung des
Wandputzes und Erneuerung des Grundanstriches die neue Wandgestaltung der Treppenhäuser gemäß der historischen Vorlage
ausführte. Frau Hauck, die junge Geschäftsführerin der Hauck Restaurierungs- & Dekorationsmalerei
GmbH Markranstädt, hat damit die Arbeit ihres Ur-Ur-Großvaters
wiederhergestellt. Besonderes Schmuckstück ist dabei ein Wandbild mit einer ägyptischen Pyramidenlandschaft. Inspiriert
worden war Friedrich-Carl Hauck durch Eindrücke von seiner Wanderung als fahrender Handwerksgeselle, die ihn bis nach
Ägypten führte bevor er sich in Markranstädt als Handwerksmeister nieder lies. Das handwerkliche Können von Frau Hauck und
ihren 16 Mitarbeitern zeigt sich auch darin, dass sie selbst nach Barcelona in Spanien gerufen wurden, um dort zu
restaurieren. In Leipzig hat das Unternehmen z.B. im Haus von Frau Dr. Kleinschmidt,
Nonnenstraße 11, die alten Malereien der Gründerzeit wieder hergestellt.
Gegenwärtig hat das Markranstädter Unternehmen u.a. einen Auftrag an der Münchner Staatsoper. Davon, dass die Arbeit
gelungen ist, zeugt auch die Tatsache, dass alle 15 Wohnungen sofort wieder vermietet werden konnten. Die Häuser in der
Parkstraße 3 bis 5 sind dennoch eine Besichtigung wert. Zum letzten Tag des offenen Denkmals waren sie für Besucher offen
und sicher wird das auch zum nächsten Tag des offenen Denkmales der Fall sein.
Grün-As / Stephanie Hauck